Rückfahrt

Du musst wissen, dass ich immer alles zuvor plane. Es ist sehr wichtig für mich, dass alles in geordneten Bahnen verläuft und seine Richtigkeit hat. Ich bin ein Gewohnheitsmensch, ich esse immer zur selben Zeit und putze mir danach die Zähne, ich gehe jeden Abend um die selbe Zeit schlafen, auch am Wochenende. Sonst komme ich durcheinander.
Für meine Zukunft hatte ich schon immer feste Pläne, ich wollte Medizin studieren, nach genau 12 Semestern fertig sein und dann bei meinem Vater in der Praxis arbeiten, das hatte er mir schon versprochen. Eigentlich war alles perfekt – und dann kam sie.

Ich habe den Demian gelesen auf der Heimfahrt von München, ich hatte dort im Süden meine Tante besucht. Es war später Nachmittag, und im vergehenden Abendrot glühte der Schnee so penetrant schön, dass es sogar mir auffiel. Auf einmal quietschten die Bremsen der Zuges so sehr, dass mir die Ohren weh taten, ich weiß noch, dass ich mich darüber ärgerte, denn es hatte meine Konzentration gestört.
Und dann sah ich sie, ein Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren, ein Unscheinbares, auch wenn das meiner Meinung nach für die Meisten gilt. Sie muss wohl hinter mir gesessen haben, denn dort stand sie dann auch, auf dem Gang, und nie werde ich ihre weit aufgerissenen Augen vergessen, diese riesigen, schwarzen Augen. Sie stand da und kreischte und schrie, so laut, dass sogar der alte Mann in der Ecke aufwachte.
Ich stand auf und legte ihr den Finger über die Lippen. Warum, weiß ich nicht, ich tue so etwas eigentlich nicht. Und dann hörte sie wieder auf zu brüllen und starrte mich nur mit diesen riesigen Augen an, bis ich sie an der Hand fasste und auf den Sitz neben mich zog.
Sie sagte: „Hallo, ich heiße Mia. Meinst du da ist jemand gestorben?“
Und ich antwortete ihr: „Ich heiße Peter, und du musst keine Angst haben.“
Ich wunderte mich über mich selbst, doch das verflog, als sie scheu lächelte und dann anfing zu reden. Sie redete und redete, und ich hörte zu und vergaß die Zeit.
In Nürnberg stiegen wir aus, ich hatte nicht bemerkt, dass ich einige Stationen zu weit gefahren war. Sie gab mir ihre Telefonnummer und ging nach Hause, ich sah ihr nach bis sie verschwand und verpasste den nächsten Zug.
Natürlich rief ich sie an. Natürlich kamen wir zusammen. Ich kam mir vor wie ein Alien in meinem Körper, wenn wir zusammen Eis laufen gingen und ich ihre Hand hielt, ich war glücklich, wenn sie bei mir war und auch, wenn nicht, weil mir der Schmerz noch nie so süß vorgekommen war.
Und dann, irgendwann, es muss bestimmt ein Jahr später gewesen sein, fiel mir auf, dass sie nicht passte. Dass ihr unbeschwertes Lachen mich immer mehr an meine Fesseln erinnerte, dass ihre warme Hand zu schwach war, um mich von meinem Weg abzubringen.
Das ein unscheinbares Mädchen, das auf einer Zugfahrt zu schreien begonnen hatte, nicht das Recht besitzen könnte, meine Pläne zu ändern. Mia war niemals geplant gewesen.
Ich sagte: „Mia, es tut mir Leid, aber wir können nicht zusammen sein.“
Und sie antwortete: „Ich weiß, Peter. Ich habe auch keine Angst mehr.“
Und dann, dann ging sie. Einfach so, ohne die Szene, die ich mir ausgemalt hatte. Es störte mich, dass sie nicht geweint hat, dass sie mich nicht anflehte, bei ihr zu bleiben. Das passte nicht in meinen Plan.

Jetzt bin ich Arzt und mein Vater ist tot, ich habe seine Praxis übernommen, so, wie es geplant war. Mia habe ich niemals wieder gesehen.
Nur fehlt sie mir.
4.2.07 19:23
 


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